Freitag, 9. April 2010

Wie vermeide ich Stress mit anderen Hunden?



Kennen Sie das? Ihr Hund läuft angeleint neben Ihnen durch den Park, da taucht ein fremder Hund auf. Groß, aufdringlich, bedrohlich. Von seinem Besitzer keine Spur. Sie beobachten, wie sich beide Hunde steif machen, wie sich ihr Nackenfell sträubt und beide knurren. Für viele Halter sind solche Begegnungen ein emotionaler Notfall mit entsprechenden Begleiterscheinungen: Stress, Ohnmacht, Angst.

Jetzt bloß keine Panik

Entscheidend ist nicht, wie sich die Hunde jetzt verhalten, sondern was der Mensch in so einer Situation tut.
In den meisten Fällen laufen solche Begegnungen völlig harmlos ab, vorausgesetzt die Besitzer behalten die Nerven.
Völlig falsch wäre es, sich schreiend und wild gestikulierend zwischen die Hunde zu stürzen. Dann könnte ein bis dahin völlig harmloses gegenseitiges Abchecken tatsächlich zur handfesten Beißerei ausarten.

Tipp: Den eigenen Hund von der Leine lassen (oder Leine einfach fallen lassen) und sich ein paar Schritte entfernen. "So erreichen Sie zwei Dinge: Zum einen geben Sie Ihrem eigenen Hund die nötige Bewegungsfreiheit, um sich dem fremden Tier gegenüber angemessen zu verhalten, zum anderen entlasten Sie ihn von der Aufgabe, Sie zu beschützen". Mit einem Mal sich selbst überlassen, kommt es bei ausreichend sozialisierten Hunden nur in seltenen Fällen zu Beschädigungskämpfen zwischen Kontrahenten. Das passiert eigentlich nur, wenn es um wichtige Ressourcen wie ein läufiges Weibchen oder Futter geht. Viel gefährlicher wird es, wenn beide Hunde angeleint sind.

Bleiben Sie nicht stehen

Wenn man den Ursachen schwerwiegender Beißvorfälle zwischen Vierbeinern auf den Grund geht, so haben die Halter oftmals die Situation bei Begegnungen mit angeleinten Hunden falsch eingeschätzt.
Es wird einfach zu lange zugeschaut. Wenn beide Hunde sich versteifen, die Nackenhaare aufstellen und der eine dem anderen die Schnauze auf den Rücken drückt, wird es höchste Zeit sich zu entfernen.

Tipp: Führen Sie beide Tiere in entgegengesetzte Richtungen auseinander. Tun Sie es ruhig und bestimmt, ohne Hektik, aber auch ohne zu zögern. Zügig wegzugehen ist auch die richtige Maßnahme, wenn Sie beim Gassigehen von einem frei laufenden Hund verfolgt werden. Er wird noch ein paar Schritte hinterher kommen, früher oder später aber stehen bleiben oder sich entfernen. Natürlich kann man so ein Tier einschüchtern und vertreiben, mit Worten und drohender Körpersprache, jedoch sollte man sich seiner Sache dann hundertprozentig sicher sein.
Das muss so entschieden und eindeutig geschehen, dass der fremde Hund die Intervention wirklich ernst nimmt. Sonst kann das nach hinten losgehen. Wer damit keine Erfahrung hat, sollte das lieber lassen.

Hunden mehr zutrauen

Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen setzt auf eine gute Sozialisation, wenn es um die Konfliktprävention zwischen Vierbeinern geht. "Ein gut sozialisierter Hund weiß sich selbst zu helfen. Durch seine Erfahrungen aus zurückliegenden Hundebegegnungen ist er in der Lage, sich und andere einzuschätzen. Er geht weder verängstigt noch mit übersteigertem Selbstbewusstsein in eine Begegnung. Wenn er dann noch gut erzogen ist und auf seinen Besitzer hört, wenn der ihn abruft, kann gar nichts schief gehen." Die Kieler Verhaltensforscherin betrachtet eine solche Interaktion sogar als vertrauensbildende Maßnahme zwischen Mensch und Tier: "Das Abrufen aus einer kritischen Situation ist ja auch eine Entlastung für meinen Hund, denn ich nehme ihm die Entscheidung ab. Er weiß jetzt: Frauchen oder Herrchen hat das im Griff und will, dass ich diese Auseinandersetzung beende. Außerdem interessiert es sich nicht dafür, wie mein Konflikt ausgeht, ob ich gewinne oder verliere." Hier käme es natürlich auf eine gute Koordination zwischen den Haltern an, denn idealerweise würde der andere Besitzer seinen Hund im gleichen Moment auch zu sich rufen, erläutert die Ethologin. Für den Fall, dass der eigene Hund ängstlich reagiert, wenn ein aufdringlicher Freigänger die Verfolgung aufnimmt, rät Feddersen-Petersen dazu, fest mit dem Fuß aufzustampfen und mit lauter, tiefer Stimme "Aus!" oder "Schluss!" zu rufen, um den Fremdling in die Schranken zu weisen.

Aufreiten unterbinden

Aufreiten ist nicht nur sexuell motiviert, sondern passiert auch zwischen Rüden oder Hündinnen. Es handelt sich um eine ritualisierte Dominanzgeste im hündischen Ausdrucksrepertoire. Für ein paar Sekunden sollte man das ruhig zulassen, jedoch nicht länger. Dann besteht nämlich die Gefahr, dass der oder die Berammelte aus Frustaggression zuschnappt und den Aufsitzenden verletzt.

Tipp: Den aufgerittenen Hund anleinen und zügig weggehen.

Trennung einleiten

Und wenn es wider Erwarten doch zur ernsthaften Beißerei kommt? Dann sollte man beherzt zugreifen, allerdings mit Sinn und Verstand. Aber Vorsicht: Einer der häufigsten Anlässe, bei denen Menschen Bissverletzungen erleiden, ist das Trennen raufender Hunde. Die folgende Anleitung ist ausschließlich dann zu empfehlen, wenn auch der Halter des anderen Hundes zu einer koordinierten Aktion bereit ist und beide das hohe Risiko einer Bissverletzung in Kauf nehmen.


1. Ruhe bewahren:

Zu echten Beschädigungskämpfen kommt es sehr selten. Ernsthafte Beißereien entstehen meist erst, wenn die Besitzer sich einmischen.

2. Keine Gewalteinwirkung:

Tritte oder Schläge gegen Hunde, die aufeinander losgehen, sind tabu. Jede Form von Schmerzeinwirkung führt zur Eskalation, weil Hunde sie dem jeweils anderen Hund zurechnen.

3. Rechtzeitig eingreifen:

Warten Sie nicht ab, bis sich die Hunde ineinander verbeißen, sondern greifen Sie frühzeitig ein.

4. Kommunizieren Sie:

Sprechen Sie den anderen Halter an. Fragen Sie ihn, ob er zu einer koordinierten Aktion bereit ist.

5. Koordinierte Aktion:

Beide Halter packen ihre Hunde gleichzeitig mit einer Hand am Halsband, mit der anderen an einem der Hinterläufe. Dann ziehen beide ihren Hund energisch und entschlossen vom Gegner weg und halten ihn weiterhin sicher fest.

6. Luft abdrücken:

Falls einer der Hunde nicht loslässt, sollten Sie versuchen, ihm mit Verdrehen des Halsbands die Luft abzudrücken und Bewegung unmöglich zu machen.

7. Weiter festhalten:

Halten Sie Ihren Hund gut fest und führen Sie ihn sofort weg.

8. Sofort zum Tierarzt:

Auch wenn Ihr Hund äußerlich unversehrt erscheint, sollte er von einem Veterinär untersucht werden. Denn innere Verletzungen können zum Tod führen, wenn sie nicht sofort vom Fachmann diagnostiziert und behandelt werden.

Warnung: Sollten Sie allein in diese gefährliche Situation geraten, ist von einem Eingreifen dringend abzuraten. Auch wenn's schwer fällt, vertrauen Sie auf das in der Regel gute Konfliktmanagement unter Hunden.


Sieben Regeln für entspannte Hundebegegnungen

1. Auf Nummer sicher gehen

Lassen Sie Ihren Hund auf Gassigängen oder auf der Hundewiese nur frei herumlaufen, wenn Sie ihn jederzeit sicher abrufen können. Sobald Sie ihn rufen, muss er zuverlässig gehorchen.

2. Den Hund anleinen

Wenn Ihr Hund zum Raufen neigt, leinen Sie ihn an, bevor es zu einer Begegnung mit fremden Artgenossen kommt. Zögern Sie nicht, den anderen Halter darum zu bitten, sein Tier ebenfalls anzuleinen. Führen Sie Ihren Hund mit ausreichendem Sicherheitsabstand vorbei.

3. Rechtzeitig abrufen

Ist Ihr Hund eher verträglich, reicht es aus, wenn Sie ihn vor der Begegnung zu sich rufen und bei Fuß gehen lassen. Stimmen Sie mit dem anderen Besitzer ab, ob die Hunde einander beschnuppern dürfen. Wenn ja, geben Sie Ihrem Hund das entsprechende Zeichen.

4. Mit Haltern reden

Vermeiden Sie Situationen, bei denen nur einer der beiden Hunde angeleint ist, denn das führt oft zu Aggression. Rufen Sie dem fremden Halter zu, dass er sein Tier anleinen möge, oder lassen Sie Ihren Hund von der Leine.

5. Leinensalat vermeiden

Lassen Sie angeleinte Hunde nicht miteinander spielen. An der Leine reagieren viele Hunde unsicher oder aggressiv. Außerdem ist ihre Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt und die Leinen verheddern sich. Von solchen Spielbedingungen hat keiner der Hunde etwas.

6. Sie sind der Boss

Der schlimmste Fehler: wenn der Halter zulässt, dass ihn sein Hund in Richtung eines fremden Tieres zerrt. Vermeiden Sie, dass er sich in kritischen Situationen mit solchem Verhalten durchsetzt. Sie müssen Herr der Lage sein!

7. Den Auslauf begrenzen

Teleskopleinen sind praktisch, doch man muss damit umgehen können. Klappt es mit der Arretierung nicht, rennt der Hund gut und gern fünf Meter weit weg, bis die Leine ihn zurückhält. Wenn ungewollte Begegnungen vermieden werden sollen, ist das entschieden zu weit.


Quelle/Autor: Martin Rütter

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