Sonntag, 23. Mai 2010

Hunde können schlimmeres anrichten als Bisse - Studie SUVA

Wer sich vor Hunden fürchtet, denkt vor allem an Bisse. Doch eine neue Studie der Unfallversicherung Suva zeigt: Die Tiere können Schlimmeres anrichten als beissen.

Jogger können aufatmen: Auch wenn sie oft von bellenden Hunden verfolgt werden - gebissen werden sie relativ selten. Von den jährlich 5200 Unfällen mit Hunden geschehen nur 100 beim Joggen. Weniger erfreulich ist die Lage jedoch für Pöstler und Hausierer: Jeder sechste Hundebiss trifft die Menschen, die täglich in das Territorium der Tiere eindringen müssen.

Die Unfallversicherung Suva veröffentlichte diese Woche eine neue Studie zu Unfällen mit Hunden. Anders als die Biss-Statistik des Bundesamtes für Veterinärwesen (BVet) basiert sie nicht auf den Meldungen der Veterinärämter, sondern auf den Angaben der obligatorisch gegen Unfall versicherten Arbeitnehmenden. Diese machen knapp die Hälfte der Schweizer Bevölkerung aus. Die präsentierten Zahlen sind überraschend; einerseits, weil dreimal mehr Personen gebissen werden als bisher angenommen, nämlich hochgerechnet 9500 Menschen pro Jahr. Andererseits, weil Hunde weit mehr Kosten verursachen durch Unfälle, bei denen sie gar nicht zubeissen.

Schlimm sind zum Beispiel Kollisionen. Wenn ein Fahrradfahrer mit einem Hund zusammenstösst, sind oft Brüche, Prellungen oder Zerrungen die Folge. Verletzungen, die mehr Arztkosten verursachen als ein Biss und eine längere Abwesenheit vom Arbeitsplatz zur Folge haben. Viele Unfälle treffen zudem die Halter selbst: Gerade ältere Menschen werden von ihren Tieren umgerissen oder verletzen sich, weil der Zug an der Leine zu gross ist.

In der Summe fallen diese Unfälle weit mehr ins Gewicht als die Bissverletzungen: 7,5 Millionen Franken kosten Taggelder, Arztkosten und Renten dieser Nicht-Biss-Unfälle die Versicherung pro Jahr, doppelt so viel wie die Kosten der Bissunfälle. Diese Zahl ist unter anderem so hoch, weil auch Invalidenrenten mitberechnet sind. Durchschnittlich achtmal pro Jahr wird jemand in der Schweiz durch einen Hund invalid - aber in der Regel nicht durch einen Biss. Pro Fall kostet ein Biss den Versicherer 1100 Franken, ein Nicht-Biss-Unfall 3200 Franken.

«Dieser hohe Anteil an Nicht-Biss-Unfällen war uns nicht bewusst», sagt der Leiter der Suva-Studie, Bruno Lanfranconi. Eine neue Präventionskampagne werde die Suva nicht starten. Aber Lanfranconi appelliert an die Hundehalter, sich nicht zu grosse Tiere anzuschaffen. Die Daten zeigen, dass sich insbesondere ältere Menschen, vor allem ältere Frauen, häufiger verletzen, weil sie nicht genügend Kraft haben und vom Tier mitgerissen oder umgestossen werden. «Oft gibt es ein Missverhältnis zwischen der Kraft der Halterin und der Kraft des Hundes», sagt Lanfranconi. Es sei also auch im Interesse der Hundehalter, sich ein Tier mit einer Grösse anzuschaffen, das in einem vernünftigen Verhältnis zur Körperkraft stehe. «Das schuldet man auch der Öffentlichkeit», sagt er.

Eine Einschränkung muss man jedoch machen: Auf die ganze Bevölkerung gerechnet, unterschätzt die Suva-Studie die Schwere der Bissverletzungen. Da erst Berufstätige bei der Suva versichert sind, berücksichtigt die Untersuchung nämlich keine Unfälle mit Kindern. Gerade unter Zehnjährige haben aber ein überproportionales Risiko, von einem Hund gebissen zu werden (siehe Interview). Zudem haben Bisse bei Kindern schwerwiegendere Auswirkungen. Ihr Körperbau ist zarter und leichter verletzlich, und da sie kleiner sind, werden sie öfter in Kopf und Hals gebissen als Erwachsene (siehe Grafik). Eine Untersuchung aus dem Jahr 2002 zeigte, dass die Hälfte aller im Spital behandelten Hundebisse Kinder betrafen.

Die Präventionsarbeit des BVet konzentriert sich daher auf die Sensibilisierung von Eltern mit Kindern - und Menschen, die Angst vor Hunden haben. Auch diese werden nämlich überdurchschnittlich oft gebissen. Kinder können sich mit einem richtigen Verhalten tatsächlich vor Bissen schützen. Denn auch wenn Angriffe von Hunden auf Kinder, zum Teil mit Todesfolgen, erschrecken und Angst machen - viel häufiger werden die Kleinsten von Tieren gebissen, die sie kennen.

Der Mensch ist gefährlicher
Laut einer Untersuchung von 667 Unfällen wollten 82 Prozent der unter vierjährigen Biss-Patienten den Hund streicheln, füttern oder ihm zum Beispiel die Leine anlegen. Erwachsene werden nicht so oft bei solchen Interaktionen gebissen, sondern eher, weil sie in Raufereien eingreifen oder in das Territorium der Tiere eindringen. Die Gefahr, durch einen Menschen im Streit absichtlich verletzt zu werden, war im Jahr 2006 rund dreimal grösser als die Gefahr, von einem Hund gebissen zu werden. Doch gäbe es gleich viele Hunde wie Menschen in der Schweiz, wäre die Lage anders. «Hunde sind dem Menschen rund sechsmal gefährlicher als Menschen», folgert die Suva aus dem Vergleich der Wahrscheinlichkeiten. Dies entspreche der Erwartung, dass «die innerartliche Kommunikation zwischen Menschen um einiges besser funktioniert als jene zwischen Mensch und Hund». Doch wenn sich Menschen Gewalt antun, dann würden mehr Kosten anfallen. Ein Indiz, dass sich Menschen untereinander schwerere Verletzungen zufügten als Hunde den Menschen.

Und was geschieht mit einem Hund, der zugebissen hat? In einer Befragung von Biss-Opfern aus dem Jahr 2002 sagten drei Viertel jener Personen, die vom eigenen Hund gebissen wurden, dass sie keine Massnahmen ergriffen hätten. 6 Prozent schläferten den Hund ein, 3 Prozent legten ihn an die Kette oder gaben das Tier weg.

Quelle: NZZamSonntag

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