Dienstag, 4. Mai 2010

Interview mit Verena Ammann (SKG) zum Sachkundenachweis - Quelle: Zentralschweiz am Sonntag / 02.05.2010

Original-Wortlaut des Interviews:

Hundespezialistin Verena Ammann lässt kein gutes Haar an den Hundehalter-Zwangskursen. Es gebe sogar Ausbilder, die nicht mal selbst einen Hund besässen.

Nur die Hälfte bis zwei Drittel der 40'000 Hundehalter, die bis zum August einen praktischen Kurs absolviert haben müssten, hat dies bisher auch getan. Wird die Zeit für die verbleibenden 10'000 bis 20'000 nicht langsam knapp?

Verena Ammann: Die Zeit würde schon reichen, und auch das Angebot wäre an sich da. Es ist nicht eine Frage der fehlenden Kapazitäten - vielmehr ist fraglich, ob jene, die bisher keinen Kurs belegt haben, das überhaupt noch tun wollen.

Sie glauben nicht daran?

Ich zweifle zumindest. Denn ich höre noch immer von vielen Hundehaltern, die sich dagegen sträuben und finden: Das mache ich nicht, das ist nicht nötig, und man wird ja ohnehin nicht kontrolliert.

Halten Sie die fehlende Kontrolle für das grösste Problem?

Sicher ist es problematisch, dass in den meisten Landesteilen -  mit Ausnahme des Kantons Zürich - keine Kontrollen vorgeschrieben sind. Für das Hauptproblem halte ich aber eher die fehlende Einsicht bei vielen Leuten: Man lehnt eine neue Auflage ab, von der man nicht einsieht, wozu sie gut sein soll.

Mit der Zeit sollte dies besser werden?

Ich hoffe schon, dass mit der Zeit immer mehr Leute merken werden, dass es etwas bringt.

Die neue Vorschrift soll gemäss dem Bundesamt für Veterinärwesen zu einem besseren Zusammenleben von Mensch und Hund führen -  und letztendlich zu weniger Bissverletzungen. Wird dieses Ziel erreicht?

Das sind zwei Aspekte, die es zu trennen gilt. Unter dem Aspekt des Tierschutzes können die vier Stunden, wenn sie wirklich sehr gut genutzt werden, etwas bringen. Jetzt kommen auch Besitzer von Chihuahuas oder Bulldoggen in den Erziehungskurs, die sonst nicht gekommen wären. Und sie staunen, was man dem Hund alles beibringen kann, und was er ihnen alles mitteilt. Unter dem Aspekt der Sicherheit bringen die Kurse aber fast nichts.

Hängt das mit der Anzahl und Qualifikation der Kursleiter zusammen, von denen es inzwischen 1100 gibt?

Die Anzahl reicht aus, nicht aber die Qualität. Von einigen Ausbildungsinstitutionen werden die Hundehalterkurse als lukratives neues Geschäftsfeld betrachet, und niemand kontrolliert, was die Leute auf dem Platz machen.

Sie hegen da Bedenken?

In der Tat. Die Anforderungen, die an die Ausbildner gestellt werden sind viel zu tief - zum Teil müssen diese nicht einmal selber einen Hund halten. Teilweise schicken die regionalen Arbeitsvermittlungszentren Arbeitslose in die Ausbildnerkurse. Was diese dann ihrerseits den Hundehaltern beibringen wird nicht geprüft. Etwas salopp ausgedrückt - es wird einzig geprüft, ob die Institution, welche die Kurse anbietet, zertifiziert und ob der Papierkrieg in Ordnung ist. Die fehlende Qualitätssicherung ist ein ganz grosses Problem.

Wie macht sich das konkret bemerkbar?

Es gibt zum Beispiel Institutionen, die ihren Ausbildnern empfehlen, bis zu zwölf Teilnehmer gleichzeitig zu unterrichten. Das führt zum absoluten Gegenteil dessen, was wir wollen. Es ist schlicht nicht möglich, zwölf unerfahrenen Hundehaltern einen einzigen Trainer zuzuteilen. Bei unseren kynologischen Vereinen sind es vier Hundehalter pro Trainer. Bei zwölf Teilnehmern bleiben nur fünf Minuten pro Hund - und in den restlichen 55 Minuten machen die übrigen Hunde mit ihren Haltern all das, was sie nicht sollten. Das ist völlig unseriös und fast ein bisschen tragisch.

Was kostet denn ein Kurs?

Das ist völlig unterschiedlich. In den kynologischen Vereinen wird die Stunde teilweise schon ab 15 Franken angeboten. Ich habe aber auch schon Anbieter gesehen, die 50 Franken pro Stunde verlangen.

Der teurere Kurs ist nicht unbedingt der bessere?

Überhaupt nicht. Das ist ein weiteres Problem: Die Leute können nicht von vorneherein beurteilen, ob der Kurs seriös ist oder nicht. Weil nur vier statt der ursprünglich vorgesehenen acht Stunden vorgeschrieben sind, bleiben sie im einmal gewählten Kurs, auch wenn sie merken, dass es nicht viel bringt - schliesslich müssen sie nur noch drei weitere Lektionen absolvieren. Bei sieben weiteren hätten sie sich eher einen Wechsel überlegt.

Das Veterinäramt des Bundes spricht von einer Erfolgsgeschichte. Wenn man Sie hört, bekommt man eher den Eindruck, die Kurse seien ein Flop.

So rigoros würde ich es nicht ausdrücken. Jene Hundehalter, die seriöse Kurse besuchen, profitieren sicher davon. Bei den anderen ist der Schuss aber schon eher nach hinten losgegangen.

Also doch ein Flop?

Vom Tierschutz her betrachtet zwar wie gesagt nicht. Vom Sicherheitsaspekt her ist es aber mit Sicherheit ein Flop. Dafür sind vier Stunden viel zu wenig. Wäre man bei acht Stunden geblieben, so hätte man im Verlauf von acht Wochen die Beziehung zwischen Hund und Mensch verfolgen können. Innerhalb eines Monats kann man bei einem jungen Hund aber nicht sagen, wie sich das entwickeln wird.

Das heisst,  dass die neuen Bestimmungen ihr Hauptziel, nämlich eine Erhöhung der Sicherheit nach dem tödlichen Unfall von Oberglatt, verfehlt hätten?

Das stimmt, das Verhindern von Unfällen haben wir damit nicht erreicht. Es wissen zwar alle, dass solch schwere Unfälle von kriminellen Haltern wie es in Oberglatt einer war, gar nicht zu verhindern sind. Aber wir hätten es schon gerne gehabt, wenn die Kurspflicht etwas weitergegangen wäre und der Halter den Hund nach dem Kursbesuch wirklich hätte kontrollieren können. Das bringt man in vier Stunden nicht hin.


Verena Ammann ist Ausbildungsverantwortliche bei der Schweizerischen Kynologischen Gesellschaft (SKG), der Dachorganisation der Hundehalter in der Schweiz.

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